Ein Besuch in Döpa Dölpa dem Heimatdorf des Schulleiters Chhawang

Schon Simikot scheint am Ende der Welt zu liegen, nur zu Fuß in etlichen Tagesmärschen oder mit dem Flugzeug erreichbar. Der Schulleiter der Bodhi-Kailash-school in Simikot musste jedoch einen noch weiteren Weg zurücklegen als er damals in der KBS in Kathmandu den Grundstein für seinen jetzigen Allroundberuf als Schulleiter im Provisorium in einem als Schule genutzten kleinen Wohnhaus und Bauleiter der neuen Schule wurde.
Sein Heimatdorf Döpa Dölpa liegt weitere Stunden Fußmarsch entfernt. Und auf diesem durften wir  (das waren Karma Chozom, Jamphel (ihr Ehemann), Barbara und Winfried Krahl, Bärbel Reinschmidt und ich) ihn zwei Tage nach der Einweihungsfeier der neuen Schule begleiten.
Was für Chhawang und sicher für alle übrigen Bergbewohner eine eher leichte Übung ist, stellte sich für uns Flachländer als durchaus sportliche Anforderung heraus. Dank der fürsorglichen Verpflegung mit köstlich frischen Apfelschnitten, die Jamphel überraschenderweise für uns mitschleppte um uns in etlichen Verschnauf- und Erfrischungspausen mit Blick in die grandiose Landschaft  bei Laune zu halten, bewältigten wir den Hinweg in knapp fünf Stunden statt der angekündigten drei Stunden, die wohl eher für Marathonläufer gedacht waren.
Unterwegs zum ersten auf der Strecke liegenden Dorf kamen uns ein paar kleine fröhliche und respektvolle Schüler der KBS entgegen. Das erschien uns schon ein beachtliches Stück Weg insbesondere für die Kinder, die ihn täglich auch bei Wind und Wetter, bewältigen müssen zumal er schmal, steil abfallend an vielen Stellen und bei Nässe bestimmt nicht ungefährlich ist. Für uns war es jedoch nur die erste Etappe und es folgten noch eine Reihe weiterer Verschnaufpausen und Fragen „wie weit noch“ und Antworten „bald sind wir da“. Überall unterwegs wurde jetzt in der Erntezeit eifrig und hart gearbeitet. Unvorstellbar mühsam ist sicher diese Arbeit auf den steilen terrassierten Feldern und noch mehr der Transport der Ergebnisse der Mühen dieser Arbeit. Wandernde Heu- und Strohhaufen, die wohl Männer, Frauen und Kinder waren, eilten damit ihrem Ziel, dem Dach ihres Hauses, entgegen. Sicher oft von weit her, denn wenn man die weit sich den Berg hinauf und hinab ziehenden Terrassen  sah, konnte man die Mühsal erahnen.  Als wir dann endlich den Hauptweg verlassend vor Chhawangs Elternhaus standen, waren wir sogleich überwältigt von der Herzlichkeit des Empfangs.
Die Familie Tsewangs wohnt in einem traditionellen und für die Gegend typischen Haus das sich über drei Stockwerke erstreckt, von einem abgetrennten Vorhof umgeben ist und Teil des Dorfensembles ist.
Der Vater hieß uns willkommen und geleitete uns durch das Eingangstor in den Vorhof. Die Mutter stand strahlend schön in ihrem traditionellen farbenprächtigen Brokatkleid geschmückt mit den Kostbarkeiten des herrlichen Silber-, Türkis- und Korallenschmucks um Hals und Arme um uns an der Schwelle ihres Hauses zu begrüßen und dann aber auch gleich wieder zu entschwinden.
Wir betraten aus der gleißenden Helligkeit der Bergwelt kommend das dunkle Erdgeschoss, das nur durch die geöffnete Tür beleuchtet war und eigentlich den Tieren vorbehalten ist, die wohl auf der Weide waren. Von hier stiegen wir über eine Baumstammtreppe in den ersten Stock und über eine weitere solche Treppe ins offene Dachgeschoss, das an zwei Seiten überdacht ist. Auf der weiten offenen Fläche lagert Heu und Stroh für den Winter. An einer Stelle ragt ein kurzes gebogenes Rohr aus dem Boden  und unmittelbar daneben konnte man ein kleines halb abgedecktes Loch erkennen.
Wir durften uns im Schatten der Überdachung auf Teppichen niederlassen und wurden sogleich von Tsewang mit Chai und Kabse (in Teig Ausgebackenes) verwöhnt. Von unserem Logenplatz aus bot sich uns ein überwältigender Blick in die Landschaft mit steil aufragenden schneebedeckten Bergen und tief eingeschnittenen Tälern. Jetzt nach dieser großen Anstrengung und der liebevollen Bewirtung konnten wir alles dankbar genießen.
Im Dorf hatte sich unsere Ankunft offensichtlich schnell, auch ohne Handy, herumgesprochen. Und kaum hatten wir uns oben niedergelassen, standen schon neugierige Kinder auf dem darüber liegenden Dach um diese unbekannten Fremden zu begutachten. Das war keine Schwierigkeit für sie, denn alle Häuser dieser steil am Berghang liegenden Dörfer sind von Dach zu Dach eng miteinander verbunden, so dass man ohne die Erde zu betreten von Haus zu Haus gelangen kann. Für diese erwartete Präsenz der Kinder hatte sich Barbara mit Luftballons eingedeckt, die  zunächst scheu und zurückhaltend dann mit großer Freude und Verwunderung gerne von den Kindern angenommen wurden. Und als sie dann auch noch sehen und hören konnten, dass man damit Töne erzeugen kann, war das Kinderglück vollkommen.

Aber der Höhepunkt unseres Besuchs sollte erst noch folgen. Kaum fühlten wir uns eigentlich schon wohlig satt, wurden wir in den darunter liegenden Raum gebeten. Also ging es wieder Baumstammtreppe abwärts, was entgegen aller Befürchtungen durchaus einfach war, in die totale Finsternis der Küche. Nur ein messerscharfer Lichtstrahl mit einem Lichtpunkt von der Größe einer Münze auf dem Boden zerschnitt die Dunkelheit. Erst als sich  unsere Augen daran gewöhnt hatten, erkannten wir den Herd in der Mitte des Zimmers mit der dahinter sitzenden Mutter. So konnten wir hier unten dann das Geheimnis des Rohrs(Ofenrohr) und des Lochs (einzige Lichtquelle im Raum) auf dem Dach lüften. Tsewang half uns mit seiner Taschenlampe Sitzplätze neben seinem Vater auf Teppichen hinter niedrigen Tischen an der Wand entlang zu finden. Allmählich konnten wir dann immer mehr im Küchen/Wohnzimmer erkennen: an zwei Wänden der Hausrat in Regalen, an zwei Wänden mit Teppichen belegte Sitzplätze. Während Tsewang das Feuer mit einem Blasrohr anfachte, buk seine Mutter Chapatis für unser Mittagsmahl und wir genossen erfrischenden leicht säuerlichen Chang aus großen Messingschalen die an deren Rändern mit kleine Butterflocken verziert waren; aufgrund des  bevorstehenden langen Rückwegs allerdings nur in Maßen. Und schon bald durften wir diese Chapatis mit einem köstlich gewürzten Kartoffel-Rettich-Curry genießen.
Viel zu früh mussten wir uns dann zum Aufbruch entschließen, denn der lange Heimweg und die in den Bergen früh und schnell einbrechende Dunkelheit appellierten an unsere Vernunft.
Ebenso freundlich und herzlich wie der Empfang war dann auch der Abschied. Die glücklich strahlenden und stolzen Eltern, die sehr dankbar sind, dass ihr Sohn nach seiner Schulzeit  an der KBS und Studium in Kathmandu wieder in seine Heimat, ihre Bergwelt, zurückgekehrt ist, beschenkten uns noch einmal reich mit knackig frischen Äpfeln aus eigener Ernte. Und so konnten wir uns tief beeindruckt auf den zum Glück eher abwärts führenden Weg zurück nach Simikot machen.

Inge Heimburger-Röhrle